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Der Moment der Wahrheit in der Notaufnahme 10:06 Eli: Okay, wir sind jetzt also in der Notaufnahme. Der Rettungswagen ist da, die Übergabe nach dem SINNHAFT-Schema ist gelaufen. Jetzt geht es ans Eingemachte. Du hast gerade die NIHSS erwähnt – die National Institute of Health Stroke Scale. Das klingt ja schon mal sehr offiziell. Was genau wird denn da gemessen? Ist das so ein "Drücken Sie mal meine Hände"-Test?
10:27 Lena: Ein bisschen mehr ist es schon, Eli. Die NIHSS ist quasi das Maßband für den Schlaganfall. Sie reicht von 0 bis 42 Punkten. Null bedeutet: keine neurologischen Ausfälle. 42 ist das Maximum, also schwerste Beeinträchtigungen. Der Neurologe geht da ganz strukturiert durch: Bewusstsein, Orientierung, Augenbewegungen, Gesichtsfeld, Motorik von Armen und Beinen, Sensibilität, Sprache, Sprechen und sogar, ob ein Neglect vorliegt. Das Schöne daran ist, dass man eine Zahl bekommt, die jeder im Team versteht. Wenn ich sage: "Der Patient hat eine NIHSS von 15", dann weiß jeder sofort: Das ist ein ernsthafter Schlaganfall mit deutlichen Defiziten.
11:07 Eli: 42 Punkte? Das ist ja eine Menge. Aber sag mal, wenn jetzt jemand "nur" vier Punkte hat, ist das dann harmlos? Ich meine, im Vergleich zu 42 klingt das ja fast nach nichts.
11:18 Lena: Das ist eine Falle, in die man nicht tappen darf! Das ist auch ein ganz wichtiger Merksatz für alle Mediziner: Die Entscheidung zur Therapie darf sich nicht allein an der Punktzahl orientieren. Stell dir vor, jemand hat "nur" zwei Punkte, aber diese zwei Punkte bedeuten, dass er eine massive Sprachstörung hat oder sein komplettes Gesichtsfeld auf einer Seite fehlt. Das ist für das Leben dieser Person eine Katastrophe, auch wenn die Zahl klein ist. Man muss also immer das funktionelle Defizit bewerten. Ein kleiner Wert in der NIHSS kann trotzdem bedeuten, dass eine systemische Thrombolyse – also die medikamentöse Auflösung des Gerinnsels – absolut sinnvoll ist.
11:52 Eli: Ah, okay, verstehe. Es geht also um die Lebensqualität, nicht nur um die Statistik. Während der Neurologe da also seine Punkte zählt, passiert aber doch bestimmt noch mehr im Hintergrund, oder? Du meintest vorhin, die Pflege ist auch schon am Werk.
12:05 Lena: Genau. Parallel läuft die Initialversorgung. Es werden meist zwei periphere Venenverweilkanülen gelegt. Eine ist oft nicht genug, falls man schnell verschiedene Medikamente oder Kontrastmittel geben muss. Und das Labor ist entscheidend: Blutbild, Gerinnungswerte, Elektrolyte, Blutzucker – das muss alles im Eiltempo gehen. Und wenn es irgendwie zeitlich passt, wird auch ein 12-Kanal-EKG geschrieben. Warum? Weil wir schauen müssen, ob der Patient vielleicht Vorhofflimmern hat. Das ist nämlich eine der häufigsten Ursachen für Schlaganfälle, weil sich im Herzen kleine Blutgerinnsel bilden können, die dann in den Kopf geschwemmt werden. Oder der Patient hat gerade gleichzeitig einen Herzinfarkt – das gibt es auch.
12:43 Eli: Echt jetzt? Beides gleichzeitig? Das ist ja der absolute Horror. Aber gut, dass man das direkt mit abprüft. Jetzt habe ich aber eine Frage: Wenn man jetzt in der Notaufnahme steht und der Patient hat diese Symptome – man weiß ja immer noch nicht, ob es eine Blutung ist oder ein verstopftes Gefäß. Ab wann geht es denn in die Röhre? Also ins CT oder MRT?
13:03 Lena: So schnell wie möglich! Das ist der nächste kritische Schritt. In der Regel ist die Computertomografie, also das CT, die erste Wahl. Warum? Weil es fast überall verfügbar ist und extrem schnell geht. Ein natives CT – also ohne Kontrastmittel – zeigt uns sofort, ob eine Blutung vorliegt. Wenn wir eine Blutung sehen, ist die Sache klar: keine Lyse, sondern Blutdruck senken und vielleicht der Neurochirurg. Wenn wir keine Blutung sehen, ist es höchstwahrscheinlich ein ischämischer Schlaganfall. Aber wir wollen mehr wissen! Wir machen meistens direkt eine CT-Angiografie hinterher, um zu sehen, wo genau das Gefäß zu ist.
13:36 Eli: Und was ist mit dem MRT? Ich dachte immer, das MRT ist viel genauer, weil es die Weichteile besser zeigt.
13:42 Lena: Das stimmt auch. Das MRT ist der Goldstandard, wenn es darum geht, ganz kleine Infarkte zu finden, zum Beispiel im Hirnstamm. Die übersieht man im CT manchmal. Aber das MRT dauert länger und ist nicht immer sofort frei. Es gibt aber eine Situation, in der das MRT unschlagbar ist: die "Wake-up"-Situation, von der wir vorhin gesprochen haben. Wenn wir nicht wissen, wann der Schlaganfall angefangen hat, können wir im MRT zwei verschiedene Sequenzen vergleichen: die DWI und die FLAIR. Wenn man den Infarkt in der DWI sieht, aber noch nicht in der FLAIR, dann weiß man: Der Schlaganfall ist noch frisch, wahrscheinlich jünger als viereinhalb Stunden. Und dann darf man trotzdem lysieren, obwohl man keine Uhrzeit hat. Das ist echt faszinierende Technik!
14:25 Eli: Das ist ja wie eine biologische Uhr, die man da im Gehirn abliest. Wahnsinn. Aber sag mal, wenn man jetzt dieses ganze Team da hat – Anästhesie, Radiologie, Neurologie – wer hat denn da eigentlich das Sagen? Das muss doch koordiniert werden, damit die sich nicht gegenseitig im Weg stehen.
14:41 Lena: Dafür gibt es eben diese SOPs, die Standard Operating Procedures. Da ist genau festgelegt, wer wann welche Info bekommt. Der "Stroke Call" informiert alle gleichzeitig. Die Anästhesie wird zum Beispiel schon früh dazugeholt, wenn man glaubt, dass eine mechanische Thrombektomie nötig ist. Denn dieser Eingriff wird oft in Vollnarkose oder zumindest unter einer starken Sedierung gemacht. Wenn die Anästhesie dann erst gerufen wird, wenn der Patient schon auf dem Tisch liegt, verliert man wieder 20 Minuten. Und wir wissen ja: "Time is Brain". Jede Verzögerung bei der Bildgebung oder der Therapieeinleitung verschlechtert das Ergebnis. Deshalb muss diese interdisziplinäre Koordination einfach sitzen. Es ist wie ein Boxenstopp in der Formel 1.