22:27 Eli: Miles, es gibt da ein Kapitel am Ende des Buches, das wird richtig tief philosophisch. Es geht um den Tod. Manson sagt, dass die Angst vor dem Tod eigentlich hinter all unseren sinnlosen Bestrebungen steckt. Dass wir versuchen, uns „Unsterblichkeitsprojekte“ aufzubauen. Das klingt erst mal nach harter Kost für einen Podcast, oder?
22:46 Miles: Ja, ist es auch. Aber es ist vielleicht der wichtigste Punkt im ganzen Buch. Er bezieht sich da auf Ernest Becker und dessen Idee der „Todesverleugnung“. Im Grunde sagt er: Weil wir die einzige Spezies sind, die weiß, dass sie irgendwann sterben wird, haben wir eine Heidenangst davor. Um diese Angst zu betäuben, versuchen wir, Dinge zu erschaffen, die uns überdauern – Karrieren, Ruhm, riesige Familien, Religionen, politische Ideologien. Wir wollen, dass unser „konzeptionelles Ich“ ewig weiterlebt, auch wenn unser Körper weg ist.
23:15 Eli: Und was ist daran so schlecht? Ich meine, es ist doch schön, etwas Bleibendes zu hinterlassen.
23:20 Miles: An sich ist das nicht schlecht. Aber das Problem entsteht, wenn wir uns in diesen Projekten verlieren und vergessen, tatsächlich zu leben. Wenn wir unsere Werte nur noch danach ausrichten, wie wir in der Nachwelt dastehen oder wie wir unser Ego aufblasen können, um die Angst vor dem Nichts zu verdrängen. Dann fangen wir an, uns um Dinge zu scheren, die eigentlich völlig belanglos sind. Wir streiten uns über Kleinigkeiten, wir jagen Statussymbolen nach, wir versuchen, die Welt zu kontrollieren.
23:45 Eli: Und der Tod rückt das alles wieder gerade?
4:08 Miles: Genau. Der Tod ist das einzige Licht, an dem man den Schatten des Lebens wirklich messen kann. Wenn du dir bewusst machst, dass du in – sagen wir mal – 50, 60 Jahren wahrscheinlich nicht mehr da bist und dass in 200 Jahren kein Mensch mehr weiß, wer du warst, dann verlieren viele deiner heutigen Sorgen schlagartig an Bedeutung. Der peinliche Moment bei der Arbeit? Egal. Das Auto, das dein Nachbar hat und du nicht? Völlig wurscht. Dass jemand dich auf Twitter beleidigt hat? Wen juckt’s?
24:17 Eli: Das klingt nach einer sehr radikalen Form von Freiheit. Aber führt das nicht dazu, dass man sagt: „Ist eh alles egal, ich leg mich jetzt nur noch auf die Couch“?
24:25 Miles: Eben nicht. Das ist das Paradoxon. Wenn du weißt, dass deine Zeit begrenzt ist, wird sie wertvoller. Du wirst wählerischer. Du fragst dich: „Ist das hier wirklich das, wofür ich meine kostbare, verbleibende Lebenszeit opfern will?“ Wenn du deine Sterblichkeit akzeptierst, kannst du dich auf die Werte konzentrieren, die wirklich Substanz haben. Es geht nicht mehr darum, wie viel du anhäufst, sondern wie du die Zeit verbringst, die du hast. Manson sagt, dass das Nachdenken über den eigenen Tod der einzige Weg ist, um wahre Demut zu lernen.
24:56 Eli: Demut ist ein gutes Wort. Es nimmt diesen ganzen narzisstischen Fokus von einem weg. Ich bin nicht der Mittelpunkt des Universums. Ich bin ein kleiner Teil eines riesigen Ganzen, und mein Job ist es einfach nur, mein kleines Stück Leben so gut wie möglich nach meinen Werten zu gestalten.
4:08 Miles: Genau. Und das nimmt auch die Angst vor dem Scheitern. Wenn der Tod das Endergebnis für uns alle ist, dann ist Scheitern während des Weges gar nicht mehr so schlimm. Wir sind sowieso alle nur auf der Durchreise. Das erinnert mich an dieses Zitat, dass wir eigentlich schon tot sind, also können wir genauso gut mutig sein. Es gibt nichts zu verlieren, was wir nicht sowieso irgendwann verlieren werden.
25:33 Eli: Das ist echt ein krasser Gedankenwechsel. Wir verbringen so viel Zeit damit, uns vor kleinen „Toden“ zu schützen – vor Ablehnung, vor Fehlern, vor Peinlichkeit –, dass wir vergessen, dass der große Tod sowieso kommt. Wenn man den großen akzeptiert, werden die kleinen plötzlich winzig.
25:48 Miles: Und das macht dich fähig, wirklich zu lieben und wirklich präsent zu sein. Wenn du nicht mehr versuchst, dein Ego für die Ewigkeit zu retten, kannst du dich ganz auf den Moment und auf die Menschen um dich herum einlassen. Du kannst „Scheiß drauf“ zu deinem Stolz sagen und „Ja“ zu deiner Verletzlichkeit. Weil du weißt, dass am Ende nur zählt, wie du gelebt hast, nicht was du besessen hast oder wie toll dich die Leute fanden.
26:12 Eli: Unterm Strich ist das Bewusstsein der Sterblichkeit also der ultimative Filter für unsere Werte. Alles, was vor dem Angesicht des Todes nicht standhält, ist wahrscheinlich nicht wert, dass wir uns darüber aufregen.
26:24 Miles: Da triffst du den Nagel auf den Kopf. Es ist der Kompass, der uns zeigt, worauf wir wirklich scheißen können. Und wenn man das mal sacken lässt, dann fühlt sich das Leben plötzlich viel leichter an. Nicht leichter im Sinne von „weniger Probleme“, sondern leichter im Sinne von „weniger unnötiges Gewicht“.