23:05 Eli: Miles, mir ist neulich aufgefallen, wie viel Negativität wir oft in unsere Sprache packen, ohne es zu merken. Wir sagen ständig Sachen wie „Vergiss nicht...“ oder „Das ist kein Problem“. Birkenbihl hat dazu doch auch eine ganz klare Meinung, wie das unser Denken beeinflusst, oder?
23:20 Miles: Oh ja, das ist ein ganz zentrales Thema bei ihr: Die Psycholinguistik. Also wie die Worte, die wir wählen, direkt auf unser Gehirn und unsere Gefühle wirken. Ihr Paradebeispiel ist oft das Wort „nicht“. Unser Gehirn hat nämlich eine ziemliche Schwäche: Es kann das Wort „nicht“ nicht direkt als Bild verarbeiten.
23:38 Eli: Warte, wie meinst du das? Wenn ich sage „Denk nicht an einen rosa Elefanten“...
23:43 Miles: ...dann siehst du sofort einen rosa Elefanten vor deinem inneren Auge. Genau das ist der Punkt! Um das „Nicht“ zu verstehen, muss das Gehirn erst mal das Bild des Elefanten erzeugen und es dann mühsam wieder durchstreichen. Das kostet Energie und das Bild bleibt trotzdem erst mal haften.
24:00 Eli: Das heißt, wenn ich zu jemandem sage „Hab keine Angst“, dann befeuere ich eigentlich genau das Bild der Angst?
2:44 Miles: Exakt. Du aktivierst das neuronale Netzwerk für Angst. Viel effektiver wäre es, das Ziel direkt zu benennen. Also statt „Hab keine Angst“ eher „Sei mutig“ oder „Du bist hier sicher“. Birkenbihl plädiert massiv dafür, unsere Sprache „zielorientiert“ zu gestalten. Wir sollten sagen, was wir *wollen*, statt was wir *nicht wollen*.
24:26 Eli: Das klingt logisch, aber es ist im Alltag echt schwer umzusetzen, oder? Wir sind so darauf getrimmt, Defizite zu benennen. „Das war nicht schlecht“ statt „Das war gut“.
24:35 Miles: Ja, das ist tief in unserer Kultur verwurzelt. Aber sie geht noch weiter. Es geht nicht nur um das „Nicht“, sondern um die gesamte Bewertung. Sie nennt das „Reframing“ – also einer Situation einen neuen Rahmen geben. Ein Problem ist bei ihr kein Problem, sondern eine „Herausforderung“ oder eine „Lernchance“. Das klingt jetzt vielleicht nach billigem positivem Denken, aber dahinter steckt ein handfester neurologischer Mechanismus.
24:59 Eli: Dass wir uns durch die Worte selbst in einen anderen Gefühlszustand versetzen?
7:01 Miles: Genau. Worte lösen chemische Reaktionen im Gehirn aus. Wenn du ständig von „Stress“, „Ärger“ und „Katastrophen“ redest, schüttet dein Körper Stresshormone aus. Wenn du aber von „Lösungen“, „Möglichkeiten“ und „Schritten“ sprichst, aktivierst du andere Bereiche. Birkenbihl sagt, wir müssen unsere „innere Software“ umprogrammieren. Unsere Worte sind die Programmiersprache für unser Erleben.
25:27 Eli: Das erinnert mich an das, was wir vorhin über die „Brillen“ hatten. Die Worte sind also die Farbe, mit der wir unsere Gläser tönen.
25:33 Miles: Schöner Vergleich! Und was noch dazukommt: Unsere Sprache beeinflusst ja nicht nur uns selbst, sondern auch unser Gegenüber. Wenn ich ein Gespräch mit „Wir haben da ein riesiges Problem“ beginne, geht beim anderen sofort die Klappe zu – Stressmodus. Wenn ich sage „Ich habe da eine Situation, für die ich gerne mit dir eine Lösung finden würde“, klingt das ganz anders. Es lädt zur Kooperation ein.
25:58 Eli: Es ist also eigentlich eine Form von Einladung. Aber gibt es da nicht auch die Gefahr, dass man Dinge schönredet, die eigentlich echt doof sind? Ich meine, wenn der Baum brennt, will ich nicht hören, dass das eine „interessante thermische Erfahrung“ ist.
26:11 Miles: Haha, nein, darum geht es nicht. Birkenbihl war eine Realistin. Es geht nicht darum, die Realität zu leugnen, sondern darum, handlungsfähig zu bleiben. Wenn du sagst „Alles ist schrecklich“, dann bist du ein Opfer der Umstände. Wenn du sagst „Die Situation ist schwierig, was ist der erste Schritt zur Besserung?“, dann bist du wieder der Akteur. Es geht um Selbstwirksamkeit. Die Sprache soll uns helfen, aus der Passivität in die Aktivität zu kommen.
26:37 Eli: Verstehe. Es geht also darum, den Fokus zu verschieben. Weg vom Warum-ist-das-so-schlimm hin zum Wie-kommen-wir-da-raus. Sie hat doch auch dieses Konzept der „Reizwörter“, oder?
21:13 Miles: Ja, genau. Es gibt Wörter, die bei fast jedem negative Emotionen auslösen. „Müssen“ ist so ein Klassiker. „Ich muss noch schnell...“ oder „Du musst mal...“. „Müssen“ erzeugt sofort Druck und Widerstand. Birkenbihl schlägt vor, „müssen“ so oft wie möglich durch „wollen“, „können“ oder „dürfen“ zu ersetzen.
27:04 Eli: „Ich darf heute noch das Projekt abschließen“ – das klingt für mich ehrlich gesagt erst mal ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Fast schon ein bisschen künstlich.
27:12 Miles: Am Anfang ist es das auch. Aber probier es mal aus. Es macht einen Unterschied, ob du sagst „Ich muss heute zum Sport“ oder „Ich will heute zum Sport“. Das eine ist eine Last, das andere eine Entscheidung. Und in der Kommunikation mit anderen ist das „Du musst“ oft der Anfang vom Ende jedes konstruktiven Gesprächs. Niemand will „müssen“. Aber fast jeder ist bereit zu helfen, wenn man ihn fragt: „Könntest du dir vorstellen, dass...?“.
27:37 Eli: Das ist wieder diese Sache mit der Augenhöhe. „Müssen“ kommt oft aus dem Eltern-Ich, „Wollen“ aus dem Erwachsenen-Ich.
27:43 Miles: Exakt! Du siehst, wie sich die Konzepte bei ihr alle ineinanderfügen. Die positive Umformulierung ist eigentlich nur das Werkzeug, um die innere Haltung der Wertschätzung und der Lösungsorientierung nach außen zu tragen. Es geht darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Denken überhaupt erst möglich ist. Denn unter Druck und Negativität schrumpft unsere Kreativität auf ein Minimum.
10:00 Eli: Das ist echt ein guter Punkt. Ich werde mal darauf achten, wie oft ich „eigentlich“, „vielleicht“ oder „nicht“ benutze. Das sind ja auch oft so Weichmacher, die die Botschaft verwässern, oder?
4:26 Miles: Absolut. „Eigentlich“ ist auch so ein schönes Wort, das den ganzen Satz davor entwertet. „Ich hab dich eigentlich lieb“ – na danke auch. Birkenbihl rät zu Klarheit und Präsenz in der Sprache. Sag, was Sache ist, aber sag es wertschätzend und positiv formuliert. Das ist keine Raketenwissenschaft, aber es erfordert eben dieses ständige „Hinhören“ bei sich selbst.
28:35 Eli: Unterm Strich heißt das: Unsere Worte sind wie kleine Samenkörner. Wenn wir nur Disteln säen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir uns ständig stechen. Wenn wir aber anfangen, bewusst positive und klare Begriffe zu wählen, wächst da vielleicht was ganz anderes.
28:49 Miles: Ein schönes Bild zum Abschluss dieses Punktes. Und das Beste ist: Man kann jederzeit damit anfangen. Man braucht kein Diplom dafür, nur ein bisschen Aufmerksamkeit für die eigenen Sätze.