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Prequels, Reboots und das Dilemma der Technik 11:51 Lena: Wir haben jetzt viel über Kirk und Picard gesprochen, aber wir müssen unbedingt über die Prequels reden. Du hast Archer ja schon erwähnt. Aber dann gibt es da noch *Discovery* und *Strange New Worlds*. Für jemanden, der neu einsteigt, ist das doch total verwirrend. Da heißt es: „Guck mal, das spielt vor Kirk“, aber es sieht aus, als käme es aus der Zukunft.
12:12 Miles: Absolut, das ist das „Prequel-Problem“. Wenn du heute eine Serie drehst, die im Jahr 2250 spielt, kannst du den Leuten nicht die blinkenden Pappkulissen von 1966 vorsetzen. Das würde keiner mehr ernst nehmen. Also macht man es visuell modern. Aber das beißt sich natürlich mit der Logik. In *Discovery* haben sie zum Beispiel Hologramme für die Kommunikation, die in der Originalserie später gar nicht mehr auftauchen.
12:36 Lena: Stimmt, Kirk hat immer nur auf diese flachen Monitore gestarrt oder hat mit seinem Klapp-Kommunikator telefoniert. Warum hat man sich denn für Prequels entschieden, wenn das so viele Probleme macht?
12:47 Miles: Na ja, man wollte wohl die Nostalgie nutzen. Man wollte bekannte Namen wie Spock oder Pike bringen, um die alten Fans abzuholen, aber gleichzeitig ein neues, junges Publikum mit moderner Optik gewinnen. *Strange New Worlds* macht das eigentlich am cleversten. Die Serie spielt ab 2259, also unmittelbar vor Kirk. Wir sehen Captain Pike, Nummer Eins und einen jungen Spock auf der Enterprise. Und sie schaffen es, diesen Geist des Entdeckens von früher einzufangen, während sie die Technik so modernisieren, dass sie für uns heute glaubwürdig wirkt.
13:17 Lena: Und dann gibt es ja noch die Sache mit der Kelvin-Timeline. Das ist doch diese alternative Realität aus den Filmen von J.J. Abrams, oder? Chris Pine als Kirk. Das ist doch noch mal eine ganz andere Baustelle.
4:20 Miles: Genau. Das war der Versuch, Star Trek 2009 quasi auf Werkseinstellungen zurückzusetzen, ohne den alten Kanon zu löschen. Durch diese Zeitreise von Nero in das Jahr 2233 wurde ein neues Universum geschaffen. Da wurde Kirks Vater bei seiner Geburt getötet, die Enterprise sieht anders aus, Vulcan wird sogar zerstört. Das ist ein cleverer Schachzug gewesen, um die Charaktere Kirk, Spock und McCoy behalten zu können, aber völlig neue Geschichten zu erzählen, ohne dass man sich an 50 Jahre Fernsehgeschichte halten muss.
14:00 Lena: Aber das bedeutet doch auch, dass alles, was wir über Archer wissen, trotzdem für beide Timelines gilt, oder?
14:05 Miles: Richtig! Das ist ein super Punkt. Da die Trennung erst 2233 passiert, ist alles, was davor war -- also die gesamte Serie *Star Trek: Enterprise* mit Archer -- die gemeinsame Vorgeschichte für beide Zeitlinien. Archer ist in beiden Universen der Pionier. In dem Film von 2009 erwähnt Scotty sogar mal „Admiral Archers geliebten Beagle“. Das ist so ein schöner kleiner Hinweis für die Fans: „Hey, Archer gab es hier auch!“
14:31 Lena: Okay, das macht es ein bisschen einfacher. Aber was ist mit *Discovery*? Da wird es ja noch wilder, weil die am Ende der zweiten Staffel einen Zeitsprung machen, der alles sprengt.
14:41 Miles: Ja, das ist der ultimative Fluchtweg aus dem Prequel-Dilemma gewesen. Nachdem sie zwei Staffeln lang in der Zeit vor Kirk feststeckten und sich mit Kanon-Fragen herumschlagen mussten, sind sie einfach 900 Jahre in die Zukunft gesprungen -- ins Jahr 3188. Da ist alles weg, was wir kennen. Die Föderation ist nach einer Katastrophe namens „Der Brand“ fast zerfallen. Das ist dann plötzlich kein Prequel mehr, sondern das absolute Ende der Timeline, das „Far Future“.
15:09 Lena: Wahnsinn. Also haben wir quasi drei große Zeitblöcke: Die ferne Vergangenheit mit Archer, die „Gegenwart“ mit Kirk und Picard, und jetzt ganz neu diese ferne Zukunft im 32. Jahrhundert.
15:21 Miles: Und mittendrin eben diese Kelvin-Filme, die wie ein Paralleluniversum daneben existieren. Aber weißt du, was ich daran so spannend finde? Trotz all dieser Sprünge und unterschiedlichen Stile bleibt der Kern immer gleich. Es geht um diese optimistische Vision, um Zusammenarbeit. Auch wenn die Technik in *Discovery* völlig anders aussieht als bei Kirk, fühlen sich die moralischen Dilemmata ähnlich an. Aber man muss eben aufpassen: Wenn man *Discovery* schaut, darf man nicht den Fehler machen und fragen: „Warum hat Kirk das später nicht auch so gemacht?“ Die Antwort ist meistens einfach: „Weil die Autoren 1966 noch nicht so weit waren.“
15:56 Lena: Man muss also ein bisschen gnädig mit dem Kanon sein. Aber sag mal, gibt es denn so richtige „No-Gos“ in der Timeline? Dinge, die absolut gar keinen Sinn ergeben?
16:05 Miles: Oh, da gibt es einige Klassiker. Zum Beispiel die Folge „Asche zu Asche“ bei *Voyager*. Da taucht eine tote Ensign Ballard plötzlich als Alien wieder auf und sagt, sie wäre seit Jahren unterwegs gewesen, um die Voyager einzuholen -- in einem kleinen Shuttle. Wenn man mal nachrechnet, wie weit die Voyager in der Zeit geflogen ist, hätte sie das nie schaffen können. Oder die Transporter-Logik in *Discovery*. Im 32. Jahrhundert können sie Leute über ganze Sternensysteme beamen, aber wenn die Bösewichte fliehen, versucht keiner, sie einfach in den Arrest zu beamen. Das sind dann Momente, wo die Story die Logik einfach überrennt.