5:48 Eli: Du hast gerade von der Maske gesprochen, die wir alle tragen. Aber gibt es denn Gesichtsausdrücke, die wir wirklich gar nicht fälschen können? Ich meine, manche Leute sind ja wahre Meister darin, ein Pokerface aufzusetzen.
6:00 Miles: Ein perfektes Pokerface ist extrem selten, weil es fast unmöglich ist, alle 43 Gesichtsmuskeln gleichzeitig unter Kontrolle zu halten. Vor allem die Muskeln rund um die Augen sind da sehr verräterisch. Denk mal an ein echtes Lächeln -- das sogenannte Duchenne-Lächeln. Da ziehen sich die Muskeln um die Augen zusammen, es bilden sich diese kleinen Lachfältchen, die „Crow’s Feet“. Wenn jemand nur mit dem Mund lächelt, sieht das sofort künstlich aus, weil die Augenpartie unbeteiligt bleibt. Das ist ein klassisches Signal für ein aufgesetztes, rein soziales Lächeln. In der Psychologie wissen wir, dass echte Freude immer das gesamte Gesicht involviert.
6:36 Eli: Ah, das kenn ich! Man sieht das oft auf offiziellen Fotos, wo die Leute so „eingefroren“ wirken. Aber was ist mit den negativen Emotionen? Ich hab mal gehört, dass Ärger oder Verachtung oft nur ganz kurz aufblitzen.
6:49 Miles: Ja, Verachtung ist ein ganz spannendes Signal. Es ist oft asymmetrisch. Ein kurzer Zug an einem Mundwinkel, so ein leichtes Hochziehen. Das ist ein Zeichen von Überlegenheit oder Ablehnung. Und das Gefährliche ist: Wenn du das bei deinem Gegenüber siehst, während du gerade eine Idee präsentierst, dann weißt du, dass die Person dich gerade innerlich abwertet -- egal, was sie danach sagt. Ärger wiederum zeigt sich oft durch zusammengepresste Lippen und zusammengezogene Augenbrauen. Das ist ein uraltes Signal, das Entschlossenheit und Angriffsbereitschaft signalisiert. Unterm Strich ist die Mimik deshalb so faszinierend, weil sie universell ist. Egal wo auf der Welt du bist, die Basisemotionen wie Angst, Ekel, Freude oder Trauer werden überall gleich ausgedrückt.
0:33 Eli: Echt jetzt? Also egal ob in New York oder im tiefsten Dschungel, die Leute gucken gleich, wenn sie sich ekeln?
7:39 Miles: Genau das ist die Erkenntnis der Forschung. Das zeigt uns, dass diese Ausdrücke biologisch fest verdrahtet sind. Wenn wir uns ekeln, kräuseln wir die Nase und ziehen die Oberlippe hoch -- das ist ein Reflex, um die Atemwege vor potenziell schädlichen Stoffen zu schützen. Wenn wir diese Mimik bei jemandem im Gespräch sehen, auch wenn es nur ganz subtil ist, dann heißt das, dass die Person gerade eine starke innere Abneigung gegen das Thema oder den Vorschlag empfindet. Man muss halt genau hinschauen. Ein weiteres wichtiges Signal ist die Stirn. Wenn jemand die Augenbrauen hochzieht und sie zusammenzieht, ist das oft ein Zeichen von echter Sorge oder Trauer. Wenn die Brauen nur hochgezogen werden, ohne dass sie sich in der Mitte annähern, ist es eher Überraschung oder manchmal auch nur eine betonte Aufmerksamkeit.
8:22 Eli: Das ist ja wie eine Geheimschrift, die man entziffern muss. Aber weißt du, was ich mich frage: Wenn ich jetzt anfange, mein Gegenüber so intensiv zu beobachten, merkt der das nicht? Das wirkt doch total starrig, wenn ich nur auf seine Augenbrauen starre.
8:36 Miles: Ja, das ist die Gefahr. Man darf nicht zum „Starrenden“ werden. Es geht eher um ein weiches Fokussieren. Du nimmst das gesamte Gesicht wahr. In der Kommunikation ist ja auch der Blickkontakt an sich ein riesiges Thema. Zu viel Blickkontakt wirkt bedrohlich oder aggressiv -- das ist ein Dominanzsignal. Zu wenig Blickkontakt wird oft als Unsicherheit oder Desinteresse gewertet. Das richtige Maß zu finden, ist eine Kunst. In der Psychologie sagt man oft, dass ein Blickkontaktanteil von etwa 60 bis 70 Prozent im Gespräch als angenehm empfunden wird. Wenn es mehr wird, fühlt sich das Gegenüber kontrolliert oder unter Druck gesetzt.
9:09 Eli: Und was ist mit dem Blick nach unten? Das machen ja viele, wenn sie verlegen sind.
9:13 Miles: Genau, der Blick nach unten ist ein klassisches Unterwürfigkeits- oder Schamsignal. Man macht sich klein, entzieht sich der Konfrontation. Im Gegensatz dazu signalisiert der Blick zur Seite oft, dass die Person gerade nachdenkt oder Informationen verarbeitet. Da gibt es ja auch diese Theorien aus dem NLP -- dem Neuro-Linguistischen Programmieren -- die besagen, dass die Blickrichtung verrät, ob wir gerade Bilder konstruieren, uns an Töne erinnern oder mit unseren Gefühlen verbunden sind. Auch wenn das wissenschaftlich nicht in allen Punkten unumstritten ist, zeigt es doch, wie eng unsere Augenbewegungen mit unseren Denkprozessen verknüpft sind.
9:53 Eli: Das heißt, wenn ich jemanden frage: „Wie war dein Urlaub?“, und er guckt erst mal nach oben links, dann sucht er wahrscheinlich nach einem Bild in seinem Gedächtnis?
10:00 Miles: So in der Art, ja. Es ist ein Indiz dafür, dass das Gehirn gerade auf visuelle Speicher zugreift. Wenn jemand aber direkt und ohne Zögern eine sehr detaillierte Antwort gibt, die fast schon auswendig gelernt klingt, und dabei den Blickkontakt gar nicht abbricht, dann könnte das wiederum ein Zeichen für eine vorbereitete Geschichte sein. Man muss halt immer das Gesamtbild sehen. Ein einzelnes Signal bedeutet oft gar nichts. Man braucht sogenannte „Cluster“. Erst wenn Mimik, Gestik und die Stimme zusammenpassen -- oder eben nicht zusammenpassen -- wird es interessant.
10:33 Eli: Cluster... okay, das muss ich mir merken. Also nicht nur auf die Nase gucken, sondern auch schauen, was die Hände machen. Das führt uns ja eigentlich direkt zur Gestik, oder? Da passiert ja meistens noch viel mehr als im Gesicht.
10:45 Miles: Absolut. Die Hände sind quasi die Ausrufezeichen unserer Sätze. Sie unterstreichen, sie verdeutlichen -- oder sie verraten uns. Während wir unser Gesicht meistens noch halbwegs unter Kontrolle haben, vergessen wir unsere Hände oft völlig. Und genau da wird es für die psychologische Analyse richtig spannend, weil die Gestik oft die tieferen, unbewussten Schichten unserer Einstellung offenbart.