9:34 Eli: Du hast vorhin gesagt, man muss gnadenlos streichen. Aber ganz ehrlich, Miles, das ist doch verdammt schwer. Wenn ich mich mit einem Thema richtig gut auskenne, dann finde ich doch alles wichtig. Wie entscheide ich denn da, was wirklich weg kann? Gibt es da eine Faustregel?
9:48 Miles: Ich verstehe das total. Man hat dieses Experten-Dilemma: Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Aber man muss sich eins klar machen: Alles, was zusätzlich reinkommt, konkurriert mit dem Wesentlichen um Aufmerksamkeit. Das ist wie bei einem Rucksack. Wenn du für eine Tageswanderung packst und denkst: „Ach, das Buch nehme ich noch mit, und den schweren Laptop, und vielleicht noch die dritte Regenjacke“, dann kommst du irgendwann nicht mehr vorwärts.
10:14 Eli: Und am Ende des Tages hab ich das Buch nicht mal aufgemacht, bin aber völlig k.o. von der Schlepperei.
10:19 Miles: Genau das passiert im Gehirn der Lernenden. Es gibt da dieses Konzept der „Extraneous Load“, also der sachfremden Belastung. Das sind Informationen oder Gestaltungselemente, die absolut nichts zum Lernziel beitragen. Ein klassisches Beispiel sind diese animierten Übergänge in PowerPoint-Präsentationen oder Hintergrundmusik, die zu laut ist. Das sieht vielleicht im ersten Moment schick aus, aber das Gehirn muss Energie aufwenden, um das auszufiltern. Und diese Energie fehlt dann beim eigentlichen Verstehen.
10:48 Eli: Also weniger ist mehr? Aber wird es dann nicht irgendwann zu simpel? Ich meine, wir wollen ja keine Kindergartengeschichten erzählen, sondern Fachwissen vermitteln.
10:57 Miles: Das ist das Missverständnis. Reduktion heißt nicht „Dumb down“, sondern „Focus down“. Es geht um Klarheit, nicht um Vereinfachung bis zur Bedeutungslosigkeit. Ein komplexes Thema wird nicht dadurch verständlicher, dass man noch mehr Wörter draufwirft. Im Gegenteil. Die Kunst besteht darin, die Komplexität so zu strukturieren, dass sie beherrschbar bleibt. Das Entscheidende ist halt, den roten Faden nicht zu verlieren.
11:21 Eli: Wie finde ich diesen roten Faden denn, wenn ich mitten im Stoff stecke?
11:25 Miles: Da hat mal jemand nachgezählt und festgestellt, dass die meisten Menschen sich nach einem Training nur an etwa drei Kernbotschaften erinnern können. Drei! Wenn du also 20 Punkte hast, die alle gleich gewichtet sind, ist die Chance groß, dass deine Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip irgendwas mitnehmen – oder gar nichts. Wenn du aber drei Pfeiler hast und alles andere drumherum baust, dann kontrollierst du, was hängen bleibt. Man muss sich also fragen: „Wenn die Leute alles vergessen, was ist die eine Sache, die sie behalten müssen?“
11:54 Eli: Das ist eine harte Frage. Aber sie hilft enorm, um den Fokus zu schärfen. Es geht also darum, Prioritäten zu setzen. Was ich mich aber frage: Wie gehe ich mit unterschiedlichen Vorwissensstufen um? Für den einen ist Punkt A total wichtig, weil er neu ist, für den anderen ist das kalter Kaffee.
12:10 Miles: Das ist die Königsdisziplin. Eine Lösung ist Modularisierung. Man bietet den Kerninhalt für alle an und stellt tiefergehende Informationen als „Deep Dive“ oder Zusatzmaterial zur Verfügung. So kann jeder sein eigenes Tempo gehen und sich das holen, was er braucht. Aber der rote Faden muss für alle gleich klar sein. Ein guter Designer ist wie ein Kurator in einem Museum. Er zeigt dir nicht jedes einzelne Gemälde, das im Keller lagert, sondern er wählt die Stücke aus, die zusammen eine Geschichte ergeben.
12:38 Eli: Interessant. Ein Kurator des Wissens. Das heißt auch, dass ich als Designer eine Verantwortung habe. Ich treffe die Entscheidung für den Lernenden, was relevant ist. Das erfordert natürlich, dass ich meine Zielgruppe extrem gut kenne.
12:50 Miles: Absolut! Ohne Zielgruppenanalyse ist jedes Design ein Schuss ins Blaue. Du musst wissen: Wo stehen die Leute? Vor welchen Problemen stehen sie im Alltag? Welche Sprache sprechen sie? Wenn du Akademiker mit zu viel Umgangssprache ansprichst, nehmen sie dich nicht ernst. Wenn du Handwerker mit zu viel Theorie zuspammst, schalten sie ab. Die Tonalität muss passen. Und das gehört eben auch zur Reduktion: die Sprache so zu wählen, dass sie ohne Umwege verstanden wird.
13:15 Eli: Das erinnert mich an das, was wir hier machen. Wir versuchen ja auch, die Experten-Begriffe zu nutzen, sie aber direkt zu erklären und in einen Kontext zu setzen. Damit man nicht das Gefühl hat, man braucht erst ein Diplom, um dem Gespräch zu folgen.
0:21 Miles: Ja, genau das mein ich. Es geht um Anschlussfähigkeit. Wenn wir Wissen reduzieren, schaffen wir Platz für diese Anschlüsse. Man darf den Leuten nicht die ganze Denkarbeit abnehmen, aber man muss ihnen das Werkzeug geben, damit sie selbst denken können. Unterm Strich ist guter Fokus also eine Form von Respekt gegenüber der Zeit und der Energie des Zuhorers.
13:49 Eli: Das ist ein schöner Gedanke. Respekt durch Klarheit. Wenn ich mir die Mühe mache, den Stoff ordentlich zu sieben, zeige ich dem anderen, dass mir seine Zeit wichtig ist.
4:43 Miles: Eben drum. Und wenn wir diesen Fokus erst mal haben, dann können wir uns anschauen, wie wir das Ganze so verpacken, dass es nicht nur verstanden wird, sondern auch – naja – Spaß macht. Oder zumindest so fesselnd ist, dass man nicht ständig auf die Uhr schaut.