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Trend-Radar und die Suche nach schwachen Signalen 5:06 Nia: Du hast gerade den „strategischen Nordstern“ erwähnt. Aber wie finde ich denn die Richtung, in die ich steuern muss? Ich meine, die Welt ändert sich ja heute gefühlt im Minutentakt. Wenn ich heute auf einen Trend setze, ist der morgen vielleicht schon wieder kalter Kaffee.
5:19 Miles: Das ist halt das Problem mit dem reinen Reagieren. Wir leben in einer BANI-Welt – also brüchig, unsicher, nicht-linear und schwer verständlich. Da helfen dir klassische Forecasts, die einfach nur die Vergangenheit in die Zukunft verlängern, kaum noch weiter. Was du brauchst, ist Strategic Foresight. Das ist wie eine Zeitmaschine, nur eben auf wissenschaftlicher Basis.
5:40 Nia: Zeitmaschine klingt gut. Wo kann ich die kaufen?
5:42 Miles: Schön wär's! Aber im Ernst: Es geht darum, Trends und sogenannte „Weak Signals“ – also schwache Signale – systematisch zu beobachten. Das sind oft so kleine, ambivalente Anzeichen für Veränderungen, die noch keine Schlagzeile in der Zeitung sind. Vielleicht eine neue Technologie, die gerade in einer Nische auftaucht, oder ein verändertes Kundenverhalten bei einer ganz jungen Zielgruppe. Wenn du die früh erkennst, hast du einen Vorsprung.
6:07 Nia: Aber wie filtere ich das denn aus diesem ganzen Rauschen raus? Ich meine, wenn ich den ganzen Tag nur News lese, komme ich ja zu nichts anderem mehr.
6:14 Miles: Da kommen Tools wie der Technologie-Radar ins Spiel. Stell dir das wie eine Zielscheibe vor. In der Mitte sind die Sachen, die du jetzt sofort „einführen“ musst. Weiter außen sind Dinge, die du erst mal nur „beobachten“ oder in kleinen Pilotprojekten „testen“ solltest. Moderne Foresight-Tools nutzen heute sogar KI, um diese Recherche zu automatisieren. Die scannen Patentdatenbanken, wissenschaftliche Publikationen oder sogar Startup-Aktivitäten. So kriegst du ein ganzheitliches Bild.
6:41 Nia: Das ist ja spannend. Also man baut sich quasi ein Frühwarnsystem. Ich habe da neulich was über „Open Foresight“ gelesen. Dass man das gar nicht mehr alles alleine im stillen Kämmerlein machen muss.
6:51 Miles: Ja, absolut! Das ist ein super Punkt. Man nutzt die kollektive Intelligenz. Gerade Startups machen das oft, weil sie gar nicht die Ressourcen haben, ein riesiges eigenes Research-Team aufzubauen. Man bindet Kunden, Lieferanten oder sogar Forschungspartner ein. Das Risiko ist dabei natürlich, dass man Wissen teilt, aber der Nutzen durch den breiteren Blickwinkel ist meistens viel größer.
7:12 Nia: Und wenn ich dann diese ganzen Signale habe... was mache ich dann damit? Ich habe dann eine Liste mit 50 Trends – und dann?
7:19 Miles: Dann musst du Szenarien entwickeln. Das ist der entscheidende Schritt. Du fragst dich nicht: „Was wird passieren?“, sondern: „Was könnte passieren?“. Du entwirfst verschiedene mögliche Zukünfte. Zum Beispiel: Was passiert mit unserem Geschäftsmodell, wenn die Regulierung in Bereich X massiv verschärft wird? Oder wenn Technologie Y plötzlich 50 Prozent billiger wird? Wenn du diese Szenarien im Kopf durchgespielt hast, triffst du heute ganz andere Entscheidungen.
7:45 Nia: Das erinnert mich an das, was wir vorhin über Horizon 3 gesagt haben. Diese radikalen Sachen. Da kann man ja gar nicht genau planen, oder?
7:52 Miles: Eben. Da musst du mit Hypothesen arbeiten. Maria Mileder von PayPal hat das mal in einem Gespräch gut auf den Punkt gebracht: Bei Horizon 3 geht es darum, ein ganzes Umfeld zu inszenieren und Meilensteine für kritische Annahmen zu setzen. Du schaust, ob deine Hypothesen eintreten. Wenn nicht, musst du den Kurs ändern.
8:09 Nia: Das heißt, ich brauche auch eine Kultur, in der es okay ist, wenn eine Hypothese mal nicht stimmt. Wenn ich also merke: „Ups, das schwache Signal war doch nur Rauschen“.
8:18 Miles: Genau das ist der Knackpunkt. Innovation scheitert oft an der Angst vor dem Scheitern. Aber unterm Strich ist jedes gescheiterte Experiment ein wertvoller Datensatz – solange man es früh und günstig abbricht. Es gibt da so eine Untersuchung, die sagt, dass man etwa 250 Projekte testen muss, um einen echten „Outlier“, also einen Riesenerfolg, zu finden. 70 Prozent der Projekte sollten idealerweise innerhalb von drei Monaten eingestellt werden. Das ist keine Verschwendung, das ist systematische Selektion.
8:47 Nia: Wow, das ist eine Ansage. 70 Prozent! Das muss man erst mal den Leuten verkaufen, die mit Herzblut an einer Idee arbeiten.
8:55 Miles: Ja, das ist hart. Aber genau deshalb brauchen wir diesen Filter, diesen Ideentrichter, der nicht auf Sympathie basiert, sondern auf harten Kriterien. Sonst verbrennst du Ressourcen für „Zombie-Ideen“, die nie wirklich fliegen, aber auch nicht sterben dürfen.