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Die Falle der mentalen Erschöpfung 9:19 Eli: Du, Miles, ich hab da über was nachgedacht. Manchmal bin ich abends körperlich gar nicht so kaputt – ich hab den ganzen Tag nur am Schreibtisch gesessen –, aber ich bin trotzdem so fertig, dass ich kaum noch einen klaren Satz rausbringe. Das ist doch dann diese mentale Erschöpfung, oder?
9:34 Miles: Genau das meint Lekutat, wenn er über die verschiedenen Arten der Müdigkeit spricht. Wir verwechseln das oft. Wir denken, wir müssten uns ausruhen, indem wir uns hinlegen, aber eigentlich ist unser Gehirn einfach nur „überhitzt“. Stell dir vor, dein Prozessor im Computer läuft den ganzen Tag auf 100 Prozent. Der Lüfter dreht voll auf, das Gehäuse wird heiß. Wenn du den Computer einfach nur stehen lässt, kühlt er zwar langsam ab, aber die Prozesse laufen im Hintergrund vielleicht immer noch weiter.
10:03 Eli: Ja, genau das ist es! Man nimmt die Arbeit gedanklich mit nach Hause. Man grübelt über das Gespräch mit dem Chef nach oder plant schon den nächsten Tag. Das ist dann kein Feierabend, sondern nur ein Ortswechsel.
10:14 Miles: Und da kommt ein ganz wichtiger Punkt ins Spiel, den er betont: Die kognitive Last. Wir unterschätzen völlig, wie viel Energie es kostet, ständig Entscheidungen zu treffen. Das nennt man „Decision Fatigue“. Von der Frage, was ich anziehe, bis hin zu komplexen Projektentscheidungen – jedes „Ja“ oder „Nein“ kostet Willenskraft und Energie. Am Ende des Tages ist dieser Speicher einfach leer. Und was machen wir dann? Wir setzen uns vor den Fernseher und müssen uns entscheiden, welchen von 5000 Filmen wir schauen wollen. Das ist dann die nächste Entscheidung, die uns eigentlich noch mehr erschöpft.
10:49 Eli: Oh Gott, ja! Das kenne ich. Ich scrolle 20 Minuten durch Netflix und bin danach fertiger als vorher, nur um dann doch wieder die Serie zu gucken, die ich schon fünfmal gesehen habe.
10:59 Miles: Aber schau mal, das ist eigentlich eine kluge Strategie deines Gehirns! Du schaust das, was du schon kennst, weil es keine neuen Entscheidungen verlangt. Es ist sicher, es ist vorhersehbar. Aber Lekutat sagt halt, dass das trotzdem keine echte Erholung ist. Echte mentale Erholung braucht oft einen Kontrast. Wenn du den ganzen Tag mit dem Kopf gearbeitet hast, ist körperliche Bewegung oft die bessere „Ruhe“.
11:22 Eli: Moment mal, wie soll denn Sport helfen, wenn ich mich schon müde fühle? Das klingt doch erst mal total unlogisch. Ich bin k.o. und soll dann noch joggen gehen?
11:31 Miles: Das ist eben der Clou. Es geht um den Ausgleich. Wenn du dich körperlich forderst, wird das Blut in die Muskeln gepumpt, der Fokus verschiebt sich weg vom Grübeln hin zum Körpergefühl. Es gibt da so eine Untersuchung, die zeigt, dass leichte körperliche Aktivität bei mentaler Erschöpfung viel effektiver ist als bloßes Rumsitzen. Man baut die Stresshormone, die sich über den Tag angesammelt haben, aktiv ab. Wenn du nur auf der Couch liegst, baut der Körper das Cortisol viel langsamer ab.
11:57 Eli: Okay, das leuchtet ein. Aber es kostet halt so viel Überwindung.
12:01 Miles: Klar, das ist die Hürde. Aber Lekutat sagt auch, dass wir aufhören müssen, uns selbst zu optimieren. Wenn der Sport zum nächsten Punkt auf der To-Do-Liste wird, den ich „abhaken“ muss, um gesund zu sein, dann erzeugt er wieder Stress. Es geht eher darum, etwas zu finden, das den Kopf wirklich frei macht. Für den einen ist das Gartenarbeit, für den anderen Holzhacken oder eben ein Spaziergang ohne Podcast im Ohr.
12:26 Eli: Ohne Podcast? Das ist jetzt aber ein harter Schlag gegen uns!
12:30 Miles: Haha, ja, ich weiß. Aber im Grunde hat er recht. Wir sind ständig im „Input-Modus“. Wir lassen uns permanent beschallen. Er plädiert dafür, auch mal die Stille auszuhalten. Nur in der Stille kann das Gehirn anfangen, die Erlebnisse des Tages wirklich zu sortieren und zu verarbeiten. Wenn wir jede Lücke mit Input füllen – beim Zähneputzen, beim Pendeln, beim Kochen –, dann hat das Gehirn nie diesen „Leerlauf“, den es zur Regeneration braucht.
12:56 Eli: Das ist wohl der Punkt, wo die „mentale Hygiene“ anfängt, oder? Dass man sich bewusst Pausen vom Informationsfluss gönnt. Ich merke das ja selbst, wie man fast schon panisch zum Handy greift, sobald mal zwei Minuten nichts passiert.
4:02 Miles: Ganz genau. Und dieses ständige Springen der Aufmerksamkeit, dieses „Multitasking“, das es ja eigentlich gar nicht gibt – wir springen ja nur ganz schnell hin und her –, das ist für unser Gehirn extrem anstrengend. Lekutat erklärt, dass dieses ständige Umschalten der Aufmerksamkeit Unmengen an Glukose im Gehirn verbraucht. Wir „verbrennen“ unsere Energie quasi für nichts und wieder nichts, nur weil wir nicht bei einer Sache bleiben können. Unterm Strich sind wir dann mental am Ende, obwohl wir eigentlich nichts „Produktives“ geschafft haben.