Der göttliche Bildhauer: Warum wir keine Kopien, sondern Repräsentanten sind
Stell dir vor, du gehst durch eine antike Stadt im Nahen Osten, vor zweieinhalbtausend Jahren. Mitten auf dem zentralen Platz steht eine Statue. Sie ist kein Kunstwerk im modernen Sinne, das man nur anschaut, um die Ästhetik zu bewundern. Diese Statue hat eine ganz praktische, fast schon politische Funktion: Sie repräsentiert den König, der gerade vielleicht hunderte Kilometer entfernt in seinem Palast sitzt. In einer Welt ohne Internet und Fernsehen war die Statue die physische Präsenz des Herrschers. Wer die Statue sah, wusste: Hier gilt das Gesetz des Königs, hier ist sein Einflussbereich. Wenn du die Statue ehrst, ehrst du ihn; wenn du sie bespuckst, ist das eine Kriegserklärung. Genau dieses Bild müssen wir im Kopf haben, wenn wir über den zentralen Begriff des christlichen Menschenbildes sprechen: die Gottebenbildlichkeit, im Lateinischen oft Imago Dei genannt. In der hebräischen Bibel wird dafür das Wort ṣӕlӕm verwendet, was eigentlich schlicht „Statue“ oder „Abbildung“ bedeutet. Es ist, als hätte Gott ein riesiges Street-Art-Projekt in der Welt gestartet und jeden einzelnen Menschen als seine Statue aufgestellt.
Das ist eine revolutionäre Idee, wenn du bedenkst, in welcher Zeit sie entstanden ist. Historisch gesehen fällt die Ausformulierung dieses Konzepts in die Zeit des babylonischen Exils. Das war eine Phase, in der das Volk Israel eigentlich alles verloren hatte: kein eigenes Königreich mehr, kein Staat, kein Tempel. Inmitten dieser Ohnmacht entsteht ein Text, der behauptet: Jeder Mensch – nicht nur der König – ist eine Statue Gottes. Außerhalb der Bibel war dieser Titel nämlich exklusiv dem Herrscher vorbehalten. Nur der König war das Bild Gottes auf Erden. Die Bibel bricht dieses Elitesystem radikal auf. Sie „royalisiert“ den Menschen, wie es der Theologe Bernd Janowski nennt. Das bedeutet: Jeder Mensch erhält ein „königliches Upgrade“. Es gibt keine Unterteilung nach Rassen, Klassen oder besonderen Fähigkeiten. Selbst die Zweigeschlechtlichkeit wird explizit erwähnt: Mann und Frau, beide sind gleichermaßen diese Statue.
Hier merkst du sofort, dass es bei der Gottebenbildlichkeit nicht um ein äußeres Aussehen geht. Gott hat keinen Körper wie wir, er ist in diesem Verständnis asexuell. Es geht also nicht um die Nase oder die Augenfarbe. Es geht um eine Funktion. Du bist als Mensch dazu da, die Herrschaft Gottes über seine gute Schöpfung (Bewahrung des Lebens und Abwehr des Chaos) zu repräsentieren. Wie die Statue des fernen Königs daran erinnert, dass es eine höhere Ordnung gibt, so erinnerst du durch deine bloße Existenz an die Gegenwart des Schöpfers. Das ist ein faszinierender Gedanke: Deine Würde hängt nicht davon ab, was du leistest oder wie klug du bist. Sie ist dir zugesprochen, weil du als Platzhalter für das Göttliche in der Welt stehst. In den kommenden Minuten werden wir tief in diesen Mechanismus eintauchen und sehen, wie diese Idee das Fundament für das legt, was wir heute Menschenrechte nennen, aber auch, welche gewaltige Verantwortung damit verbunden ist. Denn wenn du eine Statue Gottes bist, dann ist dein Handeln in der Welt niemals egal. Es ist immer ein Statement über den, den du repräsentierst. Wir schauen uns an, wie dieses Bild im Laufe der Jahrhunderte interpretiert wurde und warum es heute, in einer Zeit der digitalen Überwachung und der Optimierungswut, vielleicht wichtiger ist als je zuvor.




























