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Der unsichtbare Zaun im Kopf 5:16 Lena: Wenn ich dir so zuhöre, klingt das eigentlich ganz logisch. Aber warum fühlen wir uns dann trotzdem oft so gehemmt? Ich meine, ich bin jetzt über 30, und ich merke richtig, wie viel schwerer mir das fällt als mit Anfang 20. Damals in der Uni war das irgendwie... automatisch. Da ist man in eine Vorlesung gegangen und kam mit drei neuen Leuten wieder raus. Heute überlege ich mir dreimal, ob ich jemanden anspreche.
5:39 Miles: Das ist völlig normal, Lena. Du bist da echt nicht allein. Es gibt da so eine Untersuchung von 2022, die besagt, dass es im Schnitt etwa 200 Stunden dauert, bis aus einer Bekanntschaft eine echte Freundschaft wird. Mit über 30 haben wir diese Zeit einfach nicht mehr so „nebenbei“. Wir haben Jobs, vielleicht Kinder, Verpflichtungen. Unser Alltag ist total durchgetaktet. Und da kommt noch was dazu: Unser Gehirn ist auf Stabilität programmiert. Wir haben unsere „bewährten“ Menschen, und alles Neue bedeutet erst mal Stress und Energieaufwand.
6:09 Lena: Also ist es eigentlich Faulheit unseres Gehirns?
6:12 Miles: Ein Stück weit schon, ja. Aber es ist auch Schutz. Wir haben als Erwachsene ja schon ein paar emotionale Narben gesammelt. Vielleicht wurde man mal enttäuscht, eine enge Freundschaft ist im Sande verlaufen oder es gab einen schmerzhaften Bruch. Das prägt unsere Erwartungen. Man baut sich so eine Art „inneren Zaun“ auf. Psychologen nennen das oft den „Vermeidungsmodus“. Man bleibt lieber in der Komfortzone, weil man da nicht abgelehnt werden kann.
6:35 Lena: Krass, das kenne ich. Manchmal treffe ich jemanden, der total sympathisch wirkt, und mein Kopf sagt sofort: „Ach, die hat bestimmt schon genug Freunde, die braucht mich nicht.“
6:45 Miles: Das ist genau so ein negativer Glaubenssatz! „Alle guten Menschen sind schon vergeben“ – so eine Art selbsterfüllende Prophezeiung. Dabei geht es vielen anderen ganz genauso. In einer großen Umfrage von 2023 gaben etwa die Hälfte der Befragten an, sich zu einem gewissen Grad einsam zu fühlen. Die Leute warten eigentlich nur darauf, dass jemand den ersten Schritt macht, trauen sich aber selbst nicht. Es ist wie dieser Moment auf einem Networking-Event, wo alle am Glas nippen und hoffen, dass sie nicht als Einzige allein in der Ecke stehen.
7:15 Lena: Das heißt, der „Zaun“ ist auf beiden Seiten da?
7:18 Miles: Meistens ja. Und weißt du, was das Ganze noch verstärkt? Die sozialen Medien. Wir haben hunderte Kontakte, sehen täglich Updates und unser Gehirn bekommt diese Illusion von Verbundenheit. Wir denken, wir sind „dran“ am Leben der anderen, aber es ist halt nur diese „Shallow Intimacy“, diese oberflächliche Nähe. Das echte Bedürfnis nach tiefer Verbindung wird dadurch nicht gestillt, aber die Motivation, sich den echten Stress eines Treffens anzutun, sinkt.
7:44 Lena: Und dann sitzt man da mit seinem Smartphone und fühlt sich einsam, obwohl man gerade 50 Storys gesehen hat. Aber Miles, es gibt ja auch Leute, bei denen das trotzdem total einfach aussieht. Die gehen irgendwohin und zack – neue Freunde. Was machen die anders? Haben die keinen Zaun?
8:00 Miles: Die haben wahrscheinlich einen „sicheren Bindungsstil“. Das wurzelt oft tief in der Kindheit. Wenn du gelernt hast, dass Nähe grundsätzlich sicher ist und man sich auf Menschen verlassen kann, dann strahlst du das auch aus. Dein Körper ist entspannter, dein Blick ist offener. Du hast keine Angst davor, mal einen „Fehler“ im Gespräch zu machen, weil du weißt: Davon geht die Welt nicht unter. Wer dagegen eher unsicher-vermeidend gebunden ist, sieht in jedem neuen Kontakt ein potenzielles Risiko für Zurückweisung oder Einengung.
8:30 Lena: Kann man diesen Bindungsstil eigentlich ändern? Oder ist man da für immer „gefangen“ in seiner Kindheit?
8:35 Miles: Nein, absolut nicht. Das ist kein Lebensurteil. Man nennt das „erworbene Sicherheit“. Man kann lernen, Vertrauen wieder aufzubauen, indem man mit diesen Mini-Schritten experimentiert, über die wir vorhin gesprochen haben. Es ist wie ein Muskel, den man trainiert. Man muss sich halt erst mal eingestehen, dass der Zaun da ist. Erst dann kann man anfangen, ein paar Latten rauszubrechen.
8:55 Lena: Also unterm Strich: Wir sind nicht zu alt für neue Freunde, wir sind nur ein bisschen eingerostet und haben Angst vor Schrammen.
9:03 Miles: Genau. Und wir haben oft zu hohe Ansprüche. Wir suchen die „perfekte“ Übereinstimmung, statt einfach mal zu schauen, was passiert, wenn wir uns auf jemanden einlassen, der vielleicht ein bisschen anders tickt. Diversität im Freundeskreis erhöht laut Forschung sogar das eigene Wohlbefinden. Man muss nicht in allem gleich sein, um sich nah zu sein.