Jackson: Du hast ja gerade dieses Bild vom Zurückspringen erwähnt, Miles. Resilire. Das klingt im ersten Moment total logisch – man kriegt einen Schlag ab, verformt sich kurz und zack, alles wieder beim Alten. Aber mal ehrlich, wenn mir was richtig Mieses passiert, fühle ich mich danach nicht wie ein frisch gewaschener Schwamm, der wieder in Form ploppt. Ich fühle mich eher wie eine zerbeulte Coladose.
Miles: Ja, genau das ist der Punkt, warum viele Forscher heute sagen: Leute, passt auf mit dieser Definition. Der Begriff kommt ja ursprünglich wirklich aus der Physik und Materialforschung. Stell dir einen Schwamm vor – egal wie fest du ihn drückst, wringst oder presst, sobald du loslässt, kehrt er zu seinem ursprünglichen Volumen zurück. In der Materialwelt ist das ein Laborzustand. Aber wir Menschen leben halt nicht im Labor.
Jackson: Eben! Wenn ich eine Krise durchmache, bin ich danach doch ein anderer Mensch. Ich hab was gelernt, vielleicht hab ich Narben, vielleicht sehe ich die Welt anders. Da ist nichts mit „einfach so wie vorher“.
Miles: Ganz genau. Und deshalb wird in der Psychologie heute viel eher davon gesprochen, dass Resilienz die Aufrechterhaltung oder eben die Wiederherstellung der psychischen Gesundheit ist. Es geht nicht darum, unberührt zu bleiben, sondern darum, mit dem Stress, den Krisen oder den Schicksalsschlägen so umzugehen, dass man nicht dauerhaft psychisch erkrankt oder daran zerbricht. Es ist eher eine dynamische Anpassung als ein statisches „Zurückspringen“.
Jackson: Das nimmt auch ein bisschen den Druck raus, oder? Ich dachte immer, resilient sein heißt, dass mir nichts was anhaben darf. Dass ich so eine Art Teflon-Beschichtung brauche, an der alles abperlt.
Miles: Oh, das mit der Teflonpfanne ist ein super Vergleich, den auch Therapeuten oft benutzen. Viele wollen diese Schicht haben, damit sie nichts mehr fühlen müssen. Aber das ist ein Trugschluss. Wenn du alles wegschiebst – die Trauer, die Wut, den Frust –, dann wirst du nicht resilienter. Im Gegenteil. Zur Resilienz gehört es massiv dazu, negative Gefühle zuzulassen. Nur wer lernt, mit ihnen umzugehen, kann später auch die positiven Momente wieder richtig genießen. Wer sich taub macht, um nicht zu leiden, wird auch für die Freude taub.
Jackson: Das heißt, der resiliente Mensch sitzt auch mal weinend in der Ecke?
Miles: Absolut! Es gibt da Berichte über Menschen, die schwere Verluste erlitten haben. Die sind traurig, die sind am Boden zerstört, die sind antriebslos. Das ist eine völlig natürliche Reaktion. Resilienz zeigt sich dann darin, wie sie über die Zeit – und wir reden hier von Monaten oder Jahren – wieder einen Weg finden, am Leben teilzunehmen, ohne dass die Trauer sie komplett auffrisst.
Jackson: Wobei ich mich frage: Wenn das so eine dynamische Sache ist, warum wird es dann oft so verkauft, als müsste man sich nur ein bisschen mehr anstrengen? Du hast ja vorhin schon gesagt, dass das Umfeld eine Rolle spielt.
Miles: Ja, das ist die Kehrseite der Medaille. Wenn wir Resilienz nur als „innere Stärke“ verkaufen, dann schieben wir die ganze Verantwortung auf den Einzelnen. Dann heißt es im Job: „Oh, du hast Burnout? Tja, hättest du mal ein Resilienz-Training gemacht.“ Dabei sind oft die Strukturen das Problem – zu viel Arbeit, zu wenig Unterstützung, mieses Klima. Resilienz hängt extrem von den Rahmenbedingungen ab. Wenn du keine saubere Luft zum Atmen hast, kein sauberes Wasser oder in einer ständigen Krisenregion lebst, dann nützt dir das beste Mindset irgendwann nichts mehr.
Jackson: Also ist es ein Zusammenspiel. Meine innere Einstellung plus das, was die Welt mir vor die Füße wirft und wie sie mich dabei unterstützt.
Miles: Exakt. Es ist ein Prozess, kein Zustand. Und dieser Prozess wird von Genetik, deiner Kindheit, deinem sozialen Umfeld und deinen aktuellen Ressourcen gespeist. Wenn wir das verstehen, hören wir auf, Resilienz als eine Art „Superkraft für Einzelkämpfer“ zu sehen und fangen an, sie als ein Netzwerk von Faktoren zu begreifen.