5:21 Eli: Du hast gerade den Punkt mit der Gruppe angesprochen, Miles. Das ist doch dieser Effekt, wo man sich im Teammeeting plötzlich dabei erwischt, wie man nickt, obwohl man eigentlich denkt: „Was für ein Quatsch“, oder?
5:32 Miles: Stimmt, da hast du recht. Das ist ein ganz klassisches Phänomen. Man nennt das oft „Groupthink“ oder Gruppendenken. Das Entscheidende ist halt, dass die Harmonie in der Gruppe uns oft wichtiger ist als die sachliche Korrektheit. Wir haben halt eine instinktive Angst davor, ausgeschlossen zu werden. Früher war der Ausschluss aus der Gruppe das Todesurteil – heute ist es vielleicht nur ein schiefer Blick in der Kaffeeküche, aber unser Gehirn reagiert immer noch so, als ginge es um Leben und Tod.
0:33 Eli: Echt jetzt? Also ist dieses „Ja-Sagen“ eigentlich ein Überlebensreflex? Aber das ist doch fatal für jede Innovation. Wenn alle nur das sagen, was die anderen hören wollen, bewegen wir uns doch kein Stück vorwärts.
1:02 Miles: Eben drum. Und es wird noch komplizierter durch das, was man „soziale Bewährtheit“ nennt. Wenn wir unsicher sind, schauen wir darauf, was die anderen tun. Da gibt’s so eine Untersuchung, wo Leute in einem Raum saßen, der langsam mit Rauch vollgepumpt wurde. Wenn die anderen Leute im Raum – die eingeweiht waren – so getan haben, als wäre nichts, sind die Testpersonen oft einfach sitzen geblieben, obwohl sie den Rauch gesehen haben. Sie haben halt gedacht: „Wenn die anderen nicht rennen, wird’s schon nicht so schlimm sein.“
6:35 Eli: Moment mal, wie bitte? Die bleiben sitzen, während es brennt, nur weil die anderen cool bleiben? Das ist doch wahnsinnig! Aber wenn ich so drüber nachdenke... ich hab auch schon mal im Restaurant das Gericht bestellt, das alle anderen hatten, nur weil ich mich nicht entscheiden konnte und dachte, die werden schon wissen, was gut ist.
0:12 Miles: Ja, genau das mein ich. Das fängt beim Essen an und hört bei massiven Fehlentscheidungen in Unternehmen oder in der Politik auf. Und weisst du, was das Spannende daran ist? Wenn dann noch der Bestätigungsfehler dazukommt, den wir vorhin hatten, wird es richtig gefährlich. Wir suchen uns Gruppen, die sowieso schon so denken wie wir. Wir umgeben uns mit Leuten, die unsere Vorurteile streicheln. In den sozialen Medien wird das durch die Algorithmen ja noch auf die Spitze getrieben. Du kriegst halt nur noch das serviert, was deine Meinung bestätigt.
7:20 Eli: Da hab ich neulich was dazu gesehen. Man nennt das dann diese Filterblasen, oder? Aber im Grunde heisst das doch, dass wir uns in einer Echokammer einsperren und den Schlüssel wegwerfen. Wir fühlen uns dann total bestätigt, weil wir nur noch hören: „Ja, du hast recht, genau so ist es.“
4:43 Miles: Genau. Und das Fatale ist: Je mehr Bestätigung wir bekommen, desto extremer wird unsere Meinung oft. Das ist die sogenannte Gruppenpolarisation. Wenn sich eine Gruppe von Leuten trifft, die alle eine ähnliche, leicht tendenziöse Meinung haben, gehen sie nach dem Gespräch mit einer viel extremeren Meinung raus. Sie haben sich halt gegenseitig hochgeschaukelt. Die Argumente der „Gegenseite“ werden dann gar nicht mehr als sachliche Informationen wahrgenommen, sondern als Angriff oder einfach als dumm abgestempelt.
8:01 Eli: Na sowas. Das erklärt eigentlich so einiges, was man gerade gesellschaftlich beobachtet. Aber lass uns das mal auf den Einzelnen runterbrechen. Wenn ich jetzt in so einer Gruppe bin – egal ob im Job oder privat – wie merke ich denn überhaupt, dass wir gerade in diese Falle tappen? Gibt’s da Warnsignale?
8:17 Miles: Ein ganz großes Warnsignal ist, wenn Zweifel gar nicht mehr ausgesprochen werden. Wenn es so ein unausgesprochenes Gesetz gibt, dass man „kein Spielverderber“ sein darf. Oder wenn man anfängt, die Leute außerhalb der Gruppe abzuwerten – also dieses „Wir gegen Die“. Es gibt da so eine Untersuchung, die zeigt, dass Gruppen viel bessere Entscheidungen treffen, wenn es einen offiziellen „Advocatus Diaboli“ gibt. Also jemanden, dessen Job es explizit ist, alles infrage zu stellen.
8:42 Eli: Das ist ja eine coole Idee. Also quasi eine Erlaubnis zum Querulant-Sein? Aber das muss man erst mal aushalten, oder? Ich mein, wer mag schon den Typen, der immer sagt: „Leute, ich glaub, wir verrennen uns gerade.“
8:53 Miles: Das stimmt schon, aber unterm Strich ist es der einzige Weg, um nicht kollektiv gegen die Wand zu fahren. Man muss halt lernen, Kritik von der Person zu trennen. Das ist aber schwierig, weil wir oft eine emotionale Bindung an unsere Ideen haben. Wenn jemand meine Idee kritisiert, fühlt sich das oft an, als würde er mich kritisieren. Und da schnappt dann wieder die nächste Falle zu: die Verlustaversion.
9:14 Eli: Verlustaversion? Das klingt jetzt nach BWL-Lehrbuch. Was hat das damit zu tun?
9:20 Miles: Na ja, wir hassen Verluste viel mehr, als wir Gewinne lieben. Wenn wir schon Zeit und Energie in eine Idee investiert haben, wollen wir sie nicht aufgeben – selbst wenn die Fakten längst dagegen sprechen. Das ist wie bei einer schlechten Beziehung oder einem Projekt, das nicht läuft. Man steckt noch mehr rein, weil man nicht wahrhaben will, dass das bisherige Investment verloren ist. Man nennt das auch die „Sunk Cost Fallacy“ – die Falle der versunkenen Kosten.
9:45 Eli: Oh Gott, das kenn ich nur zu gut. „Jetzt haben wir schon so viel Geld für die Reparatur ausgegeben, jetzt können wir das Auto nicht einfach verschrotten“ – und drei Monate später ist die nächste Sache kaputt. Das ist halt echt so ein Punkt, wo Logik gegen Emotion verliert.
1:02 Miles: Eben drum. Und wenn du das jetzt mit dem Gruppendruck kombinierst, hast du das perfekte Rezept für Desaster. Aber weißt du, was mir da gerade einfällt? Wir reden die ganze Zeit über Fehler bei der Aufnahme von Informationen. Aber wie sieht es eigentlich mit der Verarbeitung aus? Da gibt es ja noch ganz andere Filter, die uns vorgaukeln, wir wären total objektiv.