33:22 Eli: Wenn wir über charakterliche Exzellenz sprechen, dann klingt das erst mal nach einem sehr hohen Ideal, fast schon philosophisch. Wir haben ja über Aristoteles und Immanuel Kant gesprochen. Aber was heißt das konkret im Berufsalltag? Ich meine, im Stress vergisst man seine Tugenden doch oft als Erstes, oder?
33:40 Lena: Genau das ist die Gefahr. Aber Tugend ist nach Aristoteles kein Zufall, sondern eine Gewohnheit. Wir handeln nicht richtig, weil wir exzellent sind, sondern wir werden exzellent, indem wir immer wieder richtig handeln. Es ist wie beim Training: Du wirst nicht stark, wenn du einmal eine Hantel hebst, sondern wenn du es jeden Tag tust. In der Führung heißt das: Gerechtigkeit, Mäßigung, Tapferkeit und Weisheit müssen in Fleisch und Blut übergehen.
34:05 Eli: Tapferkeit finde ich in dem Zusammenhang spannend. Das bedeutet im Büro ja nicht, dass ich mich mit dem Säbel in der Hand in die Kantine stelle.
11:56 Lena: Nein, natürlich nicht. Tapferkeit im Büro heißt: Die unangenehmen Wahrheiten aussprechen. Zu seinen Fehlern stehen, auch wenn es weh tut. Den Mitarbeiter schützen, wenn die Geschäftsführung ungerecht wird. Es ist der Mut, gegen den Strom zu schwimmen, wenn man von einer Sache überzeugt ist. Und das bringt uns wieder zur Vision. Wer bin ich – und wer will ich sein?
34:32 Eli: Da gibt es ja diese tollen Fragen im Buch. Will ich ein Mensch sein, dessen Worte oder dessen Lautstärke geachtet werden? Will ich spontan und redegewandt sein oder lieber schriftlich präzise? Diese Fragen zwingen einen ja regelrecht dazu, Farbe zu bekennen.
8:01 Lena: Eben drum. Man kann es nicht allen recht machen. Wer versucht, von jedem geliebt zu werden, wird am Ende von niemandem ernst genommen. Eine gute Führungskraft polarisiert. Das ist die Vision des "modernen Eroberers". Er marschiert nicht mit Waffen in fremde Länder, sondern navigiert durch unerschlossenes Terrain im Markt. Er findet Lösungen, wo andere nur Probleme sehen. Er erobert die Herzen seiner Mitarbeiter, indem er ihnen zeigt, welchen Mehrwert sie selbst haben, wenn sie ihm folgen.
35:15 Eli: Das ist ein wichtiger Punkt. Man muss den Leuten zeigen, was *sie* davon haben. Nicht nur, was die Firma davon hat.
19:05 Lena: Absolut. Menschen folgen einer Vision, wenn sie sich darin wiederfinden. Und dafür muss man als Führungskraft glaubwürdig sein. Wenn ich von "nachhaltigem Wachstum" rede, aber nur auf den schnellen Profit schiele, dann merken die Leute das sofort. Der moralische Kompass muss immer in die richtige Richtung zeigen, auch wenn es unbequem ist.
35:40 Eli: Was mich da noch umtreibt, ist dieser Begriff der "charakterlichen Festung". Alles ist endlich – das Haus kann abbrennen, das Geld kann durch eine Krise weg sein, die Position kann man verlieren. Das Einzige, was bleibt, ist der Charakter.
35:53 Lena: Ja, das ist ein radikaler Gedanke, aber er erdet einen total. Wenn du dein Glück nur von äußeren Dingen abhängig machst – dem Dienstwagen, dem Titel –, dann bist du extrem verletzlich. Wenn du aber in dir selbst ruhst, weil du weisst, dass du nach deinen Prinzipien handelst, dann kann dich so leicht nichts aus der Bahn werfen. Das ist die wahre Resilienz. Und die strahlst du dann auch auf dein Team aus.
36:16 Eli: Das ist wie ein Leuchtfeuer in unsicheren Zeiten. Wenn der Chef ruhig bleibt, obwohl das Projekt gerade wackelt, dann beruhigt das das ganze Team. Aber Lena, wir müssen auch mal über die konkrete Handlungsmethodik sprechen. Wir haben viel über das "Was" geredet, aber wie sieht das "Wie" aus? Mühe macht Eindruck – das hatten wir schon. Aber wie gehe ich mit Fehlern um, ohne die Leute zu demotivieren?
36:38 Lena: Fehler sind die besten Lehrer, wenn man sie zulässt. Thomas Edison hat ja gesagt: "Ich bin nicht gescheitert. Ich habe nur 10.000 Wege gefunden, die nicht funktionieren." In vielen Firmen herrscht aber eine Fehlervermeidungs-Kultur. Das führt dazu, dass die Leute ihre Fehler vertuschen. Als Führungskraft musst du eine offene Fehlerkultur vorleben. Gestehe deine eigenen Fehler offen ein! Wenn du sagst: "Leute, da hab ich mich total verschätzt, mein Fehler", dann gibst du den anderen die Erlaubnis, auch mal daneben zu liegen.
37:07 Eli: Und dann gemeinsam nach der Lösung suchen, statt nach dem Schuldigen.
37:11 Lena: Ganz genau. Und dabei hilft uns wieder die "Dichotomie der Kontrolle". Wir schauen nicht zurück und ärgern uns über das, was wir nicht mehr ändern können. Wir schauen nach vorne auf das, was wir jetzt tun können. Das spart unglaublich viel Zeit und Nerven. Und weisst du, was auch hilft? Dankbarkeit. "Gratia Plena".
37:28 Eli: Dankbarkeit im Job? Klingt für manche vielleicht ein bisschen zu "soft", oder?
37:32 Lena: Überhaupt nicht! Dankbarkeit ist eine der mächtigsten Führungstools. Wenn du die Leistungen deiner Leute wirklich anerkennst – und zwar nicht nur mit einem flüchtigen "Gut gemacht" –, dann stärkst du die Bindung. Sei dankbar für die Überstunden, für die kreative Idee, für die Zuverlässigkeit. Das kostet nichts, hat aber eine riesige Wirkung. Es schafft ein Umfeld, in dem die Leute gerne ihr Bestes geben.
37:53 Eli: Also unterm Strich: Der gute Hahn ist nicht nur drahtig und diszipliniert, sondern auch gerecht, demütig und dankbar. Er ist ein Eroberer, der durch sein Vorbild führt und nicht durch Angst.
38:07 Lena: Besser könnte man es nicht zusammenfassen. Es ist ein lebenslanger Lernprozess. Man ist nie "fertig". Führung und Lernen sind unzertrennlich, wie John F. Kennedy mal gesagt hat. Wer aufhört zu lernen, hört auf zu führen. Und wer aufhört, an seinem Charakter zu arbeiten, der wird irgendwann eben doch "fett" – im übertragenen Sinne. Er wird träge, selbstgefällig und verliert den Anschluss.
38:30 Eli: Das ist ein starkes Schlusswort für diesen Teil. Ich merke schon, wie sich meine Sichtweise auf viele Dinge im Büro gerade verschiebt. Es geht nicht um die Techniken, es geht um die Haltung.