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Die stoische Ruhe im sozialen Sturm 20:50 Lena: Miles, wir haben jetzt viel über Psychologie gesprochen, aber vieles davon erinnert mich an die alten Stoiker. Du hast vorhin schon mal Epiktet oder Marc Aurel erwähnt. Was können uns diese alten Griechen und Römer eigentlich heute noch über Gleichgültigkeit beibringen? Die hatten ja kein Social Media, aber scheinbar die gleichen Probleme mit ihrem Ego.
21:11 Miles: Oh ja, die Stoiker sind quasi die Urväter der „Fucktose-Intoleranz“. Das Herzstück ihrer Philosophie ist die sogenannte „Dichotomie der Kontrolle“. Das klingt kompliziert, ist aber eigentlich das effektivste Werkzeug für innere Ruhe, das ich kenne. Epiktet hat es so zusammengefasst: Es gibt Dinge, die liegen in deiner Macht, und Dinge, die liegen nicht in deiner Macht. Punkt.
21:33 Lena: Und lass mich raten: Was andere über mich denken, gehört zu der Kategorie „nicht in meiner Macht“.
21:38 Miles: Volltreffer. Du kannst beeinflussen, wie du dich verhältst, wie du redest, wie ehrlich du bist. Aber wie das bei der anderen Person ankommt, was sie darüber denkt oder wie sie darauf reagiert – das liegt zu hundert Prozent außerhalb deiner Kontrolle. Die Stoiker sagen: Wer sein Glück von Dingen abhängig macht, die er nicht kontrollieren kann, ist ein Sklave.
21:58 Lena: Ein Sklave der Meinung anderer... das trifft es ziemlich gut. Aber ist das nicht ein bisschen deprimierend? Dass ich eigentlich gar keinen Einfluss darauf habe, wie ich rüberkomme?
22:09 Miles: Im Gegenteil, es ist total befreiend! Wenn du wirklich akzeptierst, dass du die Gedanken anderer nicht steuern kannst, dann kannst du aufhören, es zu versuchen. Das spart unglaublich viel Energie. Du konzentrierst dich nur noch auf das, was du kontrollieren kannst: deine eigenen Absichten und dein Handeln. Marc Aurel, der römische Kaiser, hat sich jeden Morgen gesagt: „Heute werde ich auf undankbare, unverschämte und egoistische Menschen treffen.“
22:36 Lena: Okay, das klingt erst mal ziemlich pessimistisch für einen Kaiser.
22:39 Miles: Nein, das war eine mentale Vorbereitung, die „Praemeditatio Malorum“ – die Vorwegnahme des Schlimmsten. Er hat sich nicht darüber aufgeregt, wenn die Leute schwierig waren, weil er es erwartet hat. Er hat ihren Charakter als etwas außerhalb seiner Kontrolle gesehen. Sein Ziel war es nur, selbst ein guter Mensch zu bleiben, egal wie die anderen sich verhalten. Das ist die ultimative Form von Gleichgültigkeit: Die Unhöflichkeit anderer nicht als Angriff zu sehen, sondern als deren Problem.
23:07 Lena: Das ist so ähnlich wie das, was wir vorhin über Kritik gesagt haben, oder? Dass Feedback nur Information ist, kein Urteil über meinen Wert.
13:58 Miles: Genau. Die Stoiker hatten da ein tolles Bild: Ein Bogenschütze kann alles tun, um den Pfeil perfekt abzuschießen – er kann den Bogen pflegen, die Sehne spannen, den Wind prüfen. Aber in dem Moment, wo der Pfeil die Sehne verlässt, liegt es nicht mehr in seiner Macht, ob er das Ziel trifft. Ein plötzlicher Windstoß kann alles ändern. Ein gelassener Schütze findet seinen Stolz in der Qualität seines Schusses, nicht unbedingt im Treffer.
23:43 Lena: Also ist mein Ziel nicht, dass alle mich toll finden, sondern dass ich mich so verhalten habe, wie ich es für richtig halte.
23:50 Miles: Exakt. Und da gibt es noch ein stoisches Werkzeug: den „Blick von oben“. Wenn du dich total stresst, weil du bei einer Präsentation gestottert hast oder dir was Peinliches passiert ist, dann zoom mal raus. Stell dir die Situation aus der Sicht deiner Stadt vor, dann aus der Sicht des Landes, der Erde, des Universums. Und dann frag dich: Wie wichtig ist dieser Moment gerade in der Unendlichkeit der Zeit?
24:16 Lena: (lacht) Okay, im Vergleich zum Universum ist mein Gurkenglas-Malheur ziemlich unbedeutend. Das rückt die Relationen echt gerade.
24:25 Miles: Eben. Und das letzte stoische Tool ist das „Memento Mori“ – gedenke des Todes. Das klingt erst mal düster, aber es hilft dabei, Prioritäten zu setzen. Wenn du weißt, dass deine Zeit begrenzt ist, willst du sie dann wirklich damit verschwenden, dir Sorgen darüber zu machen, was die Nachbarin über deinen ungemähten Rasen denkt? Wahre Gleichgültigkeit wächst aus der Erkenntnis, was wirklich zählt.
24:53 Nächster Schritt: Wenn dich das nächste Mal die Meinung eines anderen stresst, stell dir die Frage der Stoiker: „Liegt das in meiner Macht?“ Wenn nein, atme aus und lass den Gedanken ziehen. Es ist nicht deine Baustelle.