12:32 Miles: Lena, wir müssen über etwas reden, das oft unterschätzt wird, wenn es um Gesundheit im Betrieb geht: die Gesundheitskompetenz. Das ist gerade so ein richtiger „Next Level“-Schwerpunkt in der österreichischen Strategie.
12:45 Lena: Gesundheitskompetenz... das klingt so nach „Ich weiß, wo meine Leber sitzt“. Aber das meinst du wahrscheinlich nicht, oder?
12:52 Miles: Nicht ganz. Es geht vielmehr darum, wie gut die Leute in der Lage sind, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, sie kritisch zu bewerten und dann auch wirklich im Alltag anzuwenden. Und das ist in unserer heutigen Welt gar nicht so einfach. Wir werden ja regelrecht überflutet mit Infos, gerade im Digitalen.
13:10 Lena: Oh ja, das kenn ich. Einmal kurz gegoogelt, warum der Rücken zwickt, und fünf Minuten später ist man überzeugt, dass man eine seltene Tropenkrankheit hat.
13:18 Miles: Genau das ist das Problem! Und Studien zeigen, dass rund 30 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher echte Schwierigkeiten haben, mit digitalen Gesundheitsinformationen umzugehen. Und jetzt stell dir vor, was das für einen Betrieb bedeutet. Wenn die Mitarbeiter nicht wissen, welchen Quellen sie trauen können oder wie sie ihre eigene Gesundheit managen sollen, dann verpuffen viele BGF-Maßnahmen einfach.
13:41 Lena: Und was macht man da? Gibt’s da jetzt Kurse für „Richtiges Googeln“?
13:45 Miles: Ein Stück weit schon, aber es geht tiefer. Der Fonds Gesundes Österreich hat für 2026 einen neuen Förderschwerpunkt gesetzt: „Gesundheitskompetente BGF“. Da geht es darum, dass sich Betriebe zu gesundheitskompetenten Organisationen entwickeln. Das heißt, die Unternehmenskultur muss sich so ändern, dass Informationstransparenz und Selbstbestimmung gefördert werden.
14:06 Lena: Das klingt jetzt aber schon wieder sehr abstrakt. Hast du ein Beispiel?
14:09 Miles: Na ja, zum Beispiel geht es um eine klare und einfache Kommunikation im Betrieb. Wenn die Infos zu Gesundheitsangeboten in einem komplizierten Behördendeutsch verfasst sind, liest das keiner. Oder es geht darum, Schulungen anzubieten, wie man digitale Tools sinnvoll nutzt, ohne dass sie zum Stressfaktor werden. Für Betriebe mit mehr als 50 Mitarbeitern ist es in diesem Förderprogramm sogar verpflichtend, die digitale Gesundheitskompetenz der Belegschaft erst mal zu erheben.
14:35 Lena: Find ich gut. Dass man erst mal schaut: Wo stehen die Leute überhaupt? Bevor man ihnen irgendwelche Apps aufdrängt, die sie gar nicht bedienen können.
6:34 Miles: Absolut. Und das Schöne ist, dass das Ganze auch gefördert wird. Betriebe, die schon ein BGF-Gütesiegel haben, können für solche Projekte bis zu 40.000 Euro Förderung bekommen. Das ist schon ein Wort. Da sieht man mal, wie wichtig das Thema der öffentlichen Hand ist.
14:57 Lena: 40.000 Euro ist echt viel Holz. Aber sag mal, wenn wir über Wissen und Kompetenz reden... das Thema Ernährung gehört da doch sicher auch dazu, oder? Ich hab gelesen, dass das einer der Schwerpunkte für die Vorsorgemittel bis 2028 ist.
2:00 Miles: Ganz genau. Ernährung und Bewegung sind die Klassiker, aber sie werden jetzt viel strategischer angegangen. Es geht zum Beispiel um die Gemeinschaftsverpflegung. Also: Was kommt in der Kantine auf den Tisch? Da gibt es Good-Practice-Modelle wie „Gemeinsam essen“ oder das „Netzwerk Schulverpflegung“. Das Ziel ist, dass die „gesunde Wahl die einfache Wahl“ wird. Wenn der Salat in der Kantine besser aussieht und günstiger ist als der Leberkäse, dann greifen die Leute eher zu.
15:38 Lena: „Make the healthy choice the easy choice“ – das hab ich auch schon mal gehört. Das ist eigentlich ein super Ansatz. Nicht mit dem erhobenen Zeigefinger kommen, sondern die Umgebung so gestalten, dass man fast automatisch das Richtige tut.
2:43 Miles: Exakt. Das nennt man Verhältnisprävention. Und das gilt eben nicht nur für das Essen, sondern auch für die Bewegung. Es gibt da zum Beispiel das Gesundheitsziel 8 für Österreich: „Gesunde und sichere Bewegung im Alltag fördern“. Da geht es nicht nur um Sportvereine, sondern um die Infrastruktur – Radwege, Treppen statt Aufzüge, bewegungsfreundliche Pausenräume.
16:12 Lena: Wobei man ja ehrlich sagen muss: Die meisten von uns bewegen sich viel zu wenig. Ich hab da neulich eine Zahl gesehen... mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Österreich kommt nicht auf das empfohlene Bewegungsausmaß.
16:24 Miles: Ja, leider. Und bei den unter 18-Jährigen sind es sogar zwei Drittel. Das ist echt bedenklich. Deshalb sind die österreichischen Bewegungsempfehlungen auch so konkret: Erwachsene sollten mindestens 150 bis 300 Minuten pro Woche ausdauerorientierte Bewegung mit mittlerer Intensität machen. Oder eben 75 bis 150 Minuten mit höherer Intensität. Und dazu noch zwei Tage pro Woche muskelkräftigende Übungen.
16:50 Lena: Puh, das klingt nach einem strammen Programm, wenn man den ganzen Tag im Büro sitzt.
16:55 Miles: Es klingt viel, aber es geht ja auch um Bewegung im Alltag. Gehen, Radfahren, Treppensteigen – das zählt alles mit. Und genau hier kann der Betrieb ansetzen. Wenn es zum Beispiel Duschen im Büro gibt, fahren vielleicht mehr Leute mit dem Rad zur Arbeit. Das ist dann auch direkt ein Co-Benefit für den Klimaschutz.
17:13 Lena: Stimmt, das hängt ja alles zusammen. Wenn ich mehr Rad fahre, bin ich gesünder und die Umwelt freut sich auch. In den neuen Förderschwerpunkten ab 2025 steht ja auch explizit drin: „Co-Benefits von Klima und Gesundheit“.
17:26 Miles: Ja, das ist ein total spannender Aspekt. Klimaresilienz im Gesundheitssystem und ein klimafreundlicher Lebensstil – das ist die Zukunft. Bewegung aus eigener Kraft ist da ein Schlüssel. Und wer sich im Alltag mehr bewegt, beugt nicht nur Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes vor, sondern tut auch was für seine psychische Gesundheit.
17:47 Lena: Also eigentlich ist Gesundheitskompetenz am Ende das Werkzeug, mit dem ich all diese Infos – über Ernährung, Bewegung, Stress – überhaupt erst für mich nutzbar mache.
17:56 Miles: Genau so ist es. Es ist die Basis für Selbstbestimmung. Wenn ich verstehe, warum Bewegung wichtig ist und wie ich sie in meinen stressigen Tag einbaue, dann ist die Wahrscheinlichkeit viel höher, dass ich es auch mache. Und der Betrieb, der mir dabei hilft, das zu verstehen und umzusetzen, der investiert in seine wichtigste Ressource: in informierte und gesunde Mitarbeiter.