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Stilistik jenseits von Floskeln 9:34 Eli: Wir haben jetzt den Plan und das Gerüst. Aber jetzt kommt doch der Teil, vor dem die meisten am meisten Schiss haben: das eigentliche Schreiben. Wie schaffe ich es, dass mein Stil professionell wirkt, ohne dass ich klinge wie ein wandelndes Gesetzbuch oder eine Werbebroschüre?
9:48 Miles: Ja, das ist der Punkt, an dem viele in dieses „Beamtendeutsch“ verfallen, weil sie denken, das klinge seriös. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Es wirkt oft nur distanziert und mühsam. Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus der Stilistik ist eigentlich: Schreib so, wie du sprechen würdest – nur ordentlicher. Das heißt jetzt nicht, dass man Slang benutzen soll, aber man sollte diese unnötigen Nominalstil-Monster vermeiden.
10:10 Eli: Nominalstil... warte, das sind diese Wörter, die alle auf „-ung“, „-heit“ oder „-keit“ enden, oder?
10:15 Miles: Genau die. „Die Durchführung der Optimierung der Arbeitsprozesse erfolgt durch die Einführung neuer Software.“ Furchtbar! Das liest sich wie eine Gebrauchsanweisung für eine Waschmaschine aus den 80ern. Wenn man’s runterbricht, stecken da Verben drin, die eingesperrt wurden. Befrei die Verben! Sag doch einfach: „Wir optimieren die Prozesse, indem wir neue Software einführen.“ Das ist kürzer, direkter und man sieht sofort, wer was macht.
10:39 Eli: Das stimmt, das fühlt sich sofort viel lebendiger an. Man hat direkt ein Bild im Kopf. Aber gibt es nicht Situationen, wo man eben sachlich bleiben muss?
10:47 Miles: Sachlichkeit heißt ja nicht Leblosigkeit. Das ist ein großer Irrtum. Du kannst total präzise und fachlich korrekt sein und trotzdem aktiv schreiben. Aktiv-Sätze sind sowieso das Geheimrezept für guten Stil. Das Passiv wird oft genutzt, um sich zu verstecken. „Es wurde entschieden...“ – ja, von wem denn? Wenn du schreibst „Die Geschäftsführung hat entschieden“, dann ist das klar und übernimmt Verantwortung. Das wirkt viel souveräner.
11:11 Eli: Okay, also Verben statt Substantive und Aktiv statt Passiv. Was ist mit den Adjektiven? Ich dachte immer, die machen einen Text bunt und anschaulich.
11:20 Miles: Da muss man echt vorsichtig sein. In der Literatur ist das toll, aber im professionellen Schreiben sind Adjektive oft nur Füllwörter, die eine Schwäche im Substantiv oder Verb kaschieren sollen. Wenn du schreibst, dass ein Projekt „äußerst erfolgreich“ war, dann ist das „äußerst“ eigentlich überflüssig. Zeig lieber die Zahlen, die den Erfolg belegen. Ein starkes Substantiv braucht kein Krückstock-Adjektiv. Und hüte dich vor diesen typischen Phrasen wie „innovativ“, „ganzheitlich“ oder „lösungsorientiert“. Das sind mittlerweile so hohle Phrasen, dass der Leser dabei komplett abschaltet.
11:53 Eli: Oh ja, diese Buzzwords! Die stehen in jeder zweiten Pressemitteilung. Aber was mache ich denn stattdessen? Wenn ich wirklich sagen will, dass etwas neu und gut ist?
12:02 Miles: Sei konkret. Das ist das Zauberwort. Statt „innovative Lösung“ schreibst du lieber, was diese Lösung eigentlich macht, was vorher nicht ging. Konkretheit schlägt Abstraktion jedes Mal. Ich hab da neulich mal was gelesen, dass das menschliche Gehirn abstrakte Begriffe viel langsamer verarbeitet als konkrete Bilder. Wenn ich „Obst“ sage, musst du kurz nachdenken. Wenn ich „knackiger roter Apfel“ sage, hast du sofort ein Bild, einen Geruch und vielleicht sogar einen Geschmack im Kopf. Das funktioniert auch in Businesstexten.
12:33 Eli: Das heißt, ich soll Bilder im Kopf des Lesers erzeugen? Auch bei einem Bericht über die Quartalszahlen?
12:39 Miles: Vielleicht nicht gerade einen Apfel, aber du kannst Vergleiche ziehen oder greifbare Beispiele nutzen. Wenn du sagst „Wir haben die Effizienz um 20 Prozent gesteigert“, dann ist das okay. Aber wenn du sagst „Wir sparen dadurch pro Woche einen kompletten Arbeitstag ein“, dann ist das ein Bild, mit dem jeder was anfangen kann. Das bleibt hängen.
12:57 Eli: Das ist ein super Punkt. Was mich da noch umtreibt, ist die Satzlänge. Ich neige dazu, Sätze zu bauen, die über fünf Zeilen gehen, weil ich immer noch eine Einschränkung oder eine Ergänzung einbauen will.
13:08 Miles: Das ist die „Schachtelsatz-Krankheit“. Das Problem ist halt, dass das Kurzzeitgedächtnis des Lesers irgendwann aussteigt. Wenn er am Ende des Satzes vergessen hat, wie er angefangen hat, dann hast du verloren. Die Faustregel ist hier: Ein Gedanke, ein Satz. Klar darf man variieren – ein Text, der nur aus Drei-Wort-Sätzen besteht, klingt wie ein Erstlesebuch. Ein guter Rhythmus entsteht durch die Mischung aus kurzen und mittellangen Sätzen. Aber die langen Monster? Die sollte man gnadenlos in Stücke hauen.
13:36 Eli: Also quasi den Text „entwirren“.
7:08 Miles: Genau. Und noch was: Trau dich, einfache Wörter zu benutzen. Man muss nicht „verifizieren“ sagen, wenn man „prüfen“ meint. Man muss nicht „terminieren“ sagen, wenn man „festlegen“ meint. Intelligente Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie komplexe Dinge einfach erklären können. Wer sich hinter komplizierten Wörtern versteckt, wirkt oft so, als hätte er selbst nicht ganz verstanden, worum es geht. Unterm Strich ist guter Stil also vor allem eins: Klarheit.